Feathers of her Childhood
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Exhibition Träumen von Räumen KinderKunstLabor, 2023
Curated by Mona Jas in dialogue with children from the Art Ideas Workshop and the Children’s Advisory Board classes.
This project traces family stories across generations—my own, those of my daughter, my mother, and reaching back to my great-grandmother, who lived along the Madeira River in the Amazon. These narratives unfold as embodied memory, carried through gestures, materials, and shared practices rather than fixed histories.
Presented in the exhibition Dreams of Spaces, the installation opens a personal archive through a constellation of photographs, seeds, luffa foams, pieces of wood, animal toys and feathers, many feathers…
Within this setting, peteca—a traditional Brazilian game—is made collectively in workshops with children, using maize leaves and corn kernels, following Indigenous practices where play, craft, and learning are inseparable.
Through collective making and play, the work reclaims ancestral knowledge rooted in the land and proposes an invitation to a pedagogy of the land—one in which learning emerges through touch, attention, and shared time, allowing memory to continue moving across generations.
credits:
photos Liebentritt
thank you Christina (in memorian), Mariana, Naila and Rejane, for sewing the Petecas and the Luffa fishes in those wonderful afternoons in Barra de São João


Federn ihrer Kindheit
Zwischen hier und dort, gestern und morgen, zwischen dieser alten Fichte in meinem Garten und den drei Kokospalmen bei meinem Vater, fliegen meine Träume. Sie fliegen hin und her, über den Atlantik, in den Wald, in den Betondschungel, in dem meine Mutter und ich aufgewachsen sind. Ich bin Daniela und ich schreibe über meine Familie: die Oma meiner Tochter und die Oma meiner Mutter.
Die Oma meiner Mutter wuchs im Amazonas-Regenwald auf. Meine Tochter wächst in Graz auf und spielt auf der Blumenwiese hinter unserem Haus. Ihre Schaukel hängt an den Ästen unserer Fichte. Ihre Oma wuchs in einer kleinen Wohnung mit drei Zimmern und einem langen Flur auf. Draußen war Betonboden, keine Bäume. Dort hörte sie den Gesang der Kanarienvögel, die nebenan in einem kleinen Käfig lebten. Die Oma meiner Mutter wohnte in einem Holzhaus mit Palmdach am Flussufer. Die Flüsse waren die Straßen, es gab keinen Beton, keine Autos, nur Kanus und den unendlichen Wald…
sie trug keine Schuhe.
Meine Tochter und ich lieben es, barfuß zu sein. Wenn es warm genug ist, gehen wir barfuß. So spürt man den Boden viel besser. Der Boden, den wir und unsere Vorfahren fühlen und gefühlt haben, ist unterschiedlich – und doch gleich: Mutter Erde. Meine Tochter liebt den salzigen Sand am Rand des Betondschungels ebenso wie den süßen Sand an den Ufern des schwarzen Flusses im Amazonas. Auch den Sand ihrer Sandkiste auf der Blumenwiese hinter unserem Haus liebt sie.
Ich erinnere mich gut: Auf meinem Schulhof gab es einen riesigen Sandboden, fast der ganze Hof war voller Sand, nur der Rand war alter, rissiger Beton. In der Mitte wuchs ein prächtiger Mangobaum. Fast jeden Tag kletterten wir in der Hofpause hinein. Es war wie eine Wunderwelt: rosa Mangofrüchte, lange Äste, grüne Blätter, viele Vögel, Sonne und Schatten – darunter ein Meer aus Sand und Beton.
Die Vorfahren meiner Tochter wuchsen auf verschiedenen Böden auf. Die Omas ihres Vaters weit weg vom Meer und Sand, die Oma meiner Mutter weit weg von Beton und Schnee. So unterschiedlich waren die Böden, auf denen ihre Füße standen, wie das Essen, das sie aßen, und die Sprachen, die sie sprachen.
Hier schreibe ich euch auf Deutsch, einer Sprache, die ich erst als Erwachsene gelernt habe. Und obwohl ich sie seit zwanzig Jahren spreche, werde ich sie nie völlig beherrschen – aber das ist in Ordnung, oder? Ich glaube, du verstehst mich mehr oder weniger, stimmt’s? Eigentlich ist es immer so: Egal wie gut man eine Sprache spricht, Zuhörer brauchen Neugier, Empathie und Vorstellungskraft, um zu verstehen. Außerdem verändern wir immer etwas, wenn wir Geschichten aus der Vergangenheit neu erzählen – so bleibt die Bedeutung offen für verschiedene Interpretationen.
“Quem conta um conto, muda um ponto,” sagte meine Großmutter.
Die Oma meiner Mutter musste Portugiesisch lernen, als sie erwachsen war und den Wald verließ. Für meine Tochter ist Deutsch ihre erste Sprache, auch wenn wir miteinander Portugiesisch sprechen. Manchmal träumt sie auf Deutsch, manchmal auf Portugiesisch. Ich träume in beiden Sprachen und sogar in anderen. Einige Sprachen kann ich sprechen, andere nur im Traum kann ich sie verstehen. So spreche ich mit der Oma meiner Mutter. Sie sprach eine der Tausenden Sprachen des Regenwaldes – eine Sprach die leider ausgestorben ist. Aber in meinen Träumen lebt sie weiter, und ich verstehe sie.
So weiß ich: Die Ur-Ur-Großmutter meiner Tochter konnte auch mit Vögeln sprechen. Sie sprach mit Aras, Papageien, Tukanen, Tico-ticos, Arapongas, Uirapurus, Kolibris, Urubus und Bem-te-vis. Sie lebten und spielten frei, wo ihre Worte und ihr Gesang frei fliegen konnten – wie die Petecas.
Magst du eine Runde Peteca spielen und versuchen, eine Sprache zu sprechen, die du nicht kennst?
In welcher Sprache träumst du?
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